Hamburger Abendblatt, Magazin Elbvororte 11/2012


MODERNE BESTATTUNGSFORMEN


Lebendige Trauerkultur


Viele Menschen wünschen sich für ihre Bestattung anstelle eines klassischen Begräbnisses mit starren Ritualen ein lebensnahes und authentisches Abschiednehmen.


Gemeinsam mit der Geburt zählt der Tod wohl zu den natürlichsten Dingen im Leben, dennoch findet er in unserer gesellschaftlichen Wahrnehmung nirgends so wirklich seinen Platz. Denn Trauer und Schmerz widersprechen dem Naturell des Menschen, daher gehen viele zum Thema Tod so weit wie möglich auf Distanz.

Seit einigen Jahren jedoch zeichnet sich in der deutschen Trauerkultur ein Individualisierungs-Trend ab, der versucht, den Tod in einem lebensnahen Umfeld zu verorten. Das macht sich nicht nur im Habitus der Trauerfeiern, sondern auch in der Gestaltung vieler Gräber deutlich bemerkbar. Jenseits klassischer Friedhofszeilen entstehen bunte, lebendige Orte der Begegnung und der Erinnerung, die Verstorbenen nicht nur eine authentische letzte Ruhestätte bieten, sondern gleichzeitig ihre Hinterbliebenen unterstützen, durch ein freundliches Umfeld den schmerzlichen Verlust besser zu verarbeiten.

Diese Individualisierungstendenz beginnt, das oft als beklemmend empfundene Bild der Friedhöfe langsam zu verändern. Anstelle melancholisch anmutender Trauerengel entstehen liebevoll gestaltete Parkanlagen, die Hinterbliebene zu einer aktiven und freudvollen Begegnung mit ihren Verstobenen einladen sollen. „Der Trend geht weg von klassischen Familiengrabstätten mit großen Steinmonumenten hin zu modernen Bestattungsformen wie Ruhewälder oder anonyme Rasengräber. Aber auch Friedhofsfelder mit gelockerten Gestaltungsrichtlinien werden derzeit sehr gut angenommen“, erklärt John Mestmacher, der als Gärtner der Abteilung Stadtgrün im Bezirksamt Altona unter anderem auch für die Pflege des Hauptfriedhofs Altona zuständig ist. Die HSV-Grabstätte in Sicht- und Hörweite zum Station etwa sei ein gutes Beispiel für lebendige Trauerkultur, ergänzt Mestmacher. Auch auf dem Friedhof Groß Flottbek beispielsweise findet sich mit dem Ort der unvergessenen Kinder ein anonymes und gleichzeitig freundliches Urnenfeld, das einer liebevoll gestalteten Spielwiese gleicht und besonders jungen Menschen den Umgang mit dem Tod erleichtern soll.

Moderne Bestattungsunternehmen, etwa das Trostwerk in Hamburg, haben den Geist der Zeit ebenfalls erkannt und möchten durch kreative und lebendige Bestattungskonzepte mit der standardisierten Bestattungsroutine brechen. Trauerfeiern jenseits klassischer Friedhofskapellen im lebensnahmen Umfeld des Verstorbenen, etwa im Tanzstudio, gehören dort ebenso zum Abschiednehmen wie individuell bemalte Urnen und Särge. Denn Trauer, davon ist Christan Hillermann, Inhaber vom Trostwerk Hamburg, überzeugt, ist ein letzter Ausdruck von Liebe, die sich nicht in formelle Routinen pressen lasse: „Die Trauerkultur ist heutzutage immer noch von vielen Tabus geprägt. Vielen Menschen haben keinen Bezug mehr zur Kirche und empfinden die traditionellen Rituale als unzeitgemäß und wenig tröstlich. Ein intensiv erlebter persönlicher Abschied hingegen erlaubt es ihnen, sich dem Thema Tod als lebendiger Mensch zu nähern und gibt ihnen gleichzeitig die Kraft, ihre Trauer auszuleben und den Verlust einer geliebten Person bewältigen zu können“, erklärt. ak













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